Nichts in der Natur existiert für sich allein

Ein Gespräch mit Gerhard Flekatsch über Resonanz, Vorstellungskraft und Kunst als Raum für Veränderung

Der österreichische Künstler Gerhard Flekatsch gehört zu den Künstlern, die die Grenzen einzelner Medien überschreiten und in ihrem Schaffen Zeichnung, Fotografie, Video, Installation und Malerei miteinander verbinden. Anlässlich der Ausstellung „Resonance“, die die Stadtgalerie Litomyšl im Rahmen des Projekts „Smetanas bildende Kunst in Litomyšl 2026“ organisiert hat, haben wir uns über Freiheit, Vorstellungskraft, die Veränderungen der heutigen Welt sowie darüber unterhalten, warum seiner Meinung nach nichts in der Natur für sich allein existiert.

MZ: Als wir uns letztes Jahr während des Festivals in Litomyšl zum ersten Mal trafen, haben Sie mir Ihren Katalog geschenkt. Eine kleine rote Schachtel, umwickelt mit einer orangefarbenen Silikon-„Schlange“ – so ein Spielzeug, mit dem Kinder spielen. Ich muss zugeben, dass mich Ihr Katalog beeindruckt hat. Schon damals wurde mir klar, dass Sie sich in Ihrem Schaffen nicht auf eine einzige künstlerische Form beschränken. Was bedeutet diese Vielseitigkeit für Sie als Künstler?

GF: Ich nehme unsere Welt so wahr, dass nichts schwarz-weiß ist, wie es uns unsere binäre (aristotelische) Logik weismachen will. Unser Leben ist weitaus komplexer. Es gibt keine absolute Realität. Alles ist viel vielfältiger, als wir oft zugeben. Wenn wir erwachsen werden, ist kreatives Schaffen vielleicht eine der letzten Gelegenheiten, mit dem bereits Bekannten zu experimentieren, ohne dabei einem bestimmten Zweck zu folgen. So entsteht Neues. So erweitern wir als Gesellschaft unseren Horizont.

MZ: Das klingt nach einer außerordentlich freien Art des Schaffens. Am stärksten kommt dies wohl in Ihrem umfangreichen Werk „Out of the Instant“ zum Ausdruck.

GF: Ja, dieser Ansatz liegt meinen täglichen Tuschezeichnungen zugrunde. Vollkommene Freiheit lässt sich nur theoretisch vorstellen. Solange ich einen Körper habe, muss ich dessen Grundbedürfnisse befriedigen. Sobald ich bewusst über etwas nachdenke, lege ich Regeln fest und setze Grenzen. In dem Moment, in dem ich eine Absicht habe, wäge ich ab, wozu diese Absicht dient. All diese Faktoren bedeuten nur eines – eine Einschränkung der Möglichkeiten. Und dessen sollten wir uns bewusst sein. Gelingt es uns jedoch, unser Bewusstsein zumindest für einen Moment von all dem zu befreien, erleben wir einen Augenblick der Freiheit. Und genau dann kann etwas Neues entstehen.

MZ: In Ihrem Lebenslauf erwähnen Sie, dass Sie im Atelier Ihres Großvaters – des Malers und Professors Richard Mahler – zum ersten Mal mit der Kunst in Berührung gekommen sind. Inwieweit war dies ein prägender Moment für Ihr Schaffen?

GF: Für mich war es vor allem eine eindrückliche Sinneserfahrung – unbekannte Düfte, die Arbeit mit Materialien und schließlich die Verkörperung einer Idee auf der Leinwand. Ein Gemälde, eine Skulptur oder ein Musikstück vermitteln einen konkreten visuellen, taktilen oder akustischen Eindruck. Dies lässt sich nicht allein durch rationales Denken oder Technik erreichen. Es erfordert einen komplexen Bewusstseinszustand, in dem gleichzeitig Rezeption und Handeln, Spontaneität und Konzentration stattfinden. Natürlich hatte ich andere Interessen als mein Großvater, aber dank ihm habe ich den Zauber des Entstehens und der Verwandlung kennengelernt und gelernt, diese für meine eigenen Themen zu nutzen.

MZ: Und welche Themen stehen derzeit in Ihrem Schaffen im Vordergrund?

GF: Ich war schon immer ein Mensch mit einer optimistischen Weltanschauung und der Überzeugung, dass Menschenwürde, das Recht auf Selbstbestimmung, Toleranz und Pluralismus, Wissenschaft, Kunst, Solidarität und Verantwortung von großer Bedeutung sind. Dieser Optimismus meinerseits gerät jedoch derzeit ins Wanken. Ich beobachte, wie das Vertrauen zwischen den Menschen schwindet, und spüre, dass die Angst immer stärker wird. Und Angst gefährdet stets unsere Fähigkeit zum Zusammenleben. Zunehmende Aggressivität und Egoismus, die Verarmung der Sprache (und damit auch des Intellekts), ökologisches und wirtschaftliches Ungleichgewicht – all dies macht uns anfälliger für Falschmeldungen und Spaltungsstrategien. Hand in Hand damit geht die Ausbreitung autokratischer Tendenzen sowie eine Schwächung der Unterstützung für soziale Bildung, authentische Berichterstattung, Wissenschaft und Kunst einher. Dabei ist die Kunst unverzichtbar, um den bevorstehenden Paradigmenwechsel auf positive und gesellschaftlich akzeptable Weise zu bewältigen. Aus Sicht der Entwicklungsbiologie trägt nämlich gerade die Kunst zur Entwicklung unseres Gehirns bei. Mein aktuelles Thema ist daher die Schaffung von Raum für Vorstellungskraft, Spiel und Denken. Ein Raum, der es uns ermöglicht, auszuprobieren, wie unsere Wahrnehmung funktioniert, wie wir unsere persönliche Realität gestalten und dass ein Perspektivwechsel uns weiterbringen kann.

MZ: Sie sprechen oft von Freiheit, Vorstellungskraft oder einem Perspektivwechsel. Was bedeutet Kunst für Sie persönlich?

GF: Kunst ist für mich in erster Linie eine Möglichkeit, der Welt gegenüber offen zu bleiben. Sie hilft mir, Dinge wahrzunehmen, die ich sonst übersehen würde, und das in Frage zu stellen, was ich für selbstverständlich halte. Es ist für mich keine Flucht vor der Realität, sondern im Gegenteil ein Mittel, mich tiefer mit ihr auseinanderzusetzen. Wenn ich kreativ tätig bin, interessiert mich der Prozess des Entdeckens – der Moment, in dem ich noch nicht weiß, wohin mich die Arbeit führen wird. Gerade in dieser Offenheit und Ungewissheit offenbaren sich oft neue Zusammenhänge und neue Möglichkeiten des Verstehens.

MZ: Bei unseren ersten Gesprächen über die Ausstellung in Litomyšl haben wir uns darauf geeinigt, sie unter Berücksichtigung des Festivalthemas „natura“ zu konzipieren. Von Anfang an haben Sie dieses Thema jedoch vor allem im Sinne von „Natürlichkeit“ oder „Gegebenheit“ verstanden. Könnten Sie den Lesern unseres Blogs Ihre Sichtweise auf die Ausstellung näher erläutern?

GF: Der Begriff „natura“ leitet sich definitionsgemäß vom Wort „nasci“ (geboren werden) ab. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet er somit etwas, das nicht vom Menschen geschaffen wurde. Gleichzeitig steht er jedoch auch für das „innere Wesen“. Auf der Suche nach dem Wesentlichen wurde mir klar, dass nichts in der Natur isoliert existiert, sondern sich durch Beziehungen zu seiner Umgebung formt. Und gerade „Resonanz“ ist meiner Meinung nach der Begriff, der diese Verbundenheit am besten beschreibt. Es handelt sich um ein Prinzip, das sich auf vielfältige Weise in der Welt um uns herum manifestiert. Wir können es als physikalisches Phänomen in der Akustik, in der Schwarmintelligenz, in sozialen Beziehungen sowie in vielen anderen Zusammenhängen beobachten. Resonanz wird in verschiedenen Kontexten verwendet, und genau in dieser Bandbreite sollte auch meine Ausstellung betrachtet werden.

Gestische Zeichnungen, Tuschezeichnungen, Malerei, Fotografie und Installationen veranschaulichen hier verschiedene Sichtweisen auf die Welt und unterschiedliche Wahrnehmungsmöglichkeiten. Die Ausstellung „Resonance“ knüpft zugleich an den Begriff „natura“ an, auch im Hinblick auf die Beziehung des Menschen zur Natur. Es freut mich, dass die Ausstellung durch diesen Ansatz neben der persönlichen und ästhetischen Ebene auch eine breitere gesellschaftliche Dimension erhält.

MZ: Vielen Dank für das Interview.

GF: Es war mir ein Vergnügen.

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NATURA

Die Ausstellung Natura präsentiert originelle Schmuckkollektionen von Studenten

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