Eine Galerie ist eigentlich nie fertig. Nicht nur, weil sich darin ständig Ausstellungen und Begleitprogramme abwechseln, sondern auch, weil wir selbst dazulernen. Wir suchen nach neuen Wegen, Kunst und die damit verbundenen Themen zu vermitteln, und denken darüber nach, welche Rolle die Galerie in der Gesellschaft spielt und wie sie sich ihren Besuchern gegenüber noch offener zeigen kann. Gerade die Suche nach Antworten auf diese Fragen war der Hauptanstoß für die Ausarbeitung unseres Projekts zur Mobilität im Ausland im Rahmen Erasmus+-Programms. Ziel ist es nicht nur, inspirierende kulturelle Einrichtungen im Ausland kennenzulernen, sondern vor allem darüber nachzudenken, wie die gewonnenen Erfahrungen in Litomyšl genutzt werden können.
Unsere zweite Reise führte uns nach Rotterdam in den Niederlanden, zum Nieuwe Instituut, das zu den führenden europäischen Zentren für Architektur, Design, Forschung, Kuratorentätigkeit und Öffentlichkeitsarbeit zählt. Unser Ziel war es nicht nur, dessen Funktionsweise kennenzulernen, sondern vor allem zu beobachten, wie dort über die eigene Arbeit nachgedacht wird und welche dieser Erfahrungen als Inspiration für die Zukunft der Städtischen Galerien Litomyšl.
Die Ausstellung als offener Prozess
Einer der ersten Höhepunkte war der Besuch der Vernissage der Ausstellung The Collection Gallery. Uns beeindruckte jedoch nicht nur die Ausstellung selbst, sondern vor allem die Art und Weise, wie sie präsentiert wurde. Anstelle der üblichen Eröffnungsreden folgte eine fast einstündige Diskussion mit dem Team, das an der Vorbereitung beteiligt war. Die Kuratoren und weitere Fachleute stellten nicht nur das Endergebnis des Projekts vor, sondern auch den Weg, der dorthin führte – die Recherche, die Zweifel, die Entscheidungsfindung sowie die Suche nach den am besten geeigneten Lösungen. Dieser Blick „hinter die Kulissen“ war für uns äußerst inspirierend. Er hat uns daran erinnert, dass eine Ausstellung nicht nur ein fertiges Ergebnis ist, sondern ein lebendiger Prozess voller Fragen, der Suche nach Antworten und Zusammenarbeit.
Ein Objekt, viele Perspektiven
Sehr inspirierend war für uns auch das Programm „Detour“ – ein spezielles Format für Führungen, die nicht von Fachkräften der Einrichtung, sondern von Menschen aus verschiedenen kreativen Bereichen geleitet werden. Künstler, Performer, Theaterleute oder Schriftsteller bringen dabei ihre ganz eigene Sichtweise und ihre Erfahrungen ein. Bei der Führung geht es nicht darum, eine einzige richtige Deutung zu finden. Im Gegenteil – ihr Wert liegt in der Vielfalt der Perspektiven und im gemeinsamen Dialog. Dieser Ansatz hat uns dazu veranlasst, darüber nachzudenken, wie sich ähnliche Prinzipien auch im Umfeld der Stadtgalerie Litomyšl umsetzen lassen. Wie können wir mehr Stimmen aus der lokalen Gemeinschaft einbeziehen und den Besuchern neue Wege der Begegnung mit der Kunst bieten, die nicht ausschließlich auf einer einzigen fachlichen Deutung beruhen?
Das Archiv als lebendige Quelle von Geschichten
Eine große Inspiration war für uns auch der Besuch des Archivs des „Nieuwe Instituut“. Dort werden umfangreiche Materialien zur niederländischen Architektur aufbewahrt – von Plänen und Modellen bis hin zu digitalen Archiven von Architekturbüros. Am interessantesten war für uns jedoch nicht die schiere Menge der archivierten Materialien, sondern die Art und Weise, wie die Einrichtung mit ihnen arbeitet. Das Archiv ist hier kein abgeschlossener Ort, an dem Dokumente auf Forscher warten. Es wird zu einer aktiven Quelle für Ausstellungen, Forschung, Bildungsprogramme und neue Geschichten. Dies hat uns daran erinnert, dass auch Sammlungen und Archive ein lebendiger Raum sein können, der die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet und neue Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit eröffnet.
Inspiration für eine zukünftige Galerie
Unsere Reise nach Rotterdam hat alle unsere Erwartungen erfüllt. Die wertvollste Inspiration waren für uns nicht einzelne Projekte oder Programme, sondern die Denkweise, die wir im Nieuwe Instituut kennengelernt haben – Offenheit, die Verknüpfung verschiedener Disziplinen, die Suche nach neuen Formen der Kommunikation mit den Besuchern und der Mut, neue Wege zu beschreiten.
Jede Inspiration, die wir aus dem Ausland mitbringen, versuchen wir auf die Gegebenheiten in Litomyšl zu übertragen. Wir suchen weder nach vorgefertigten Lösungen, noch wollen wir große ausländische Institutionen kopieren. Wir suchen unseren eigenen Weg – einen, der dem Charakter unserer Stadt, unserer Galerie und den Menschen, die sie besuchen, entspricht. Unser Ziel ist es, dass das neue „Dům U Rytířů“ zu einem Ort wird, der nicht nur als Raum für die Präsentation von Kunst dient, sondern auch als Ort der Begegnung, des Dialogs, der Bildung und der Entdeckung.
Denn eine Galerie ist niemals fertig. Genauso wie die Menschen, die sie gestalten.




